Montag, 17. Juli 2017

Freiraum

Wir sind inzwischen fast zwei Monate in Tonga. Mit unserem Besucher, Michaelas Bruder Alex, sind wir von Tongatapu im Süden des Landes gestartet, quer durch die Ha’apai Gruppe gedümpelt und seit ein paar Wochen treiben wir uns nun in der Vava’u Inselgruppe im Norden herum.

Wir haben viele wunderschöne Ankerplätze besucht, nette Menschen kennengelernt, opferbereite Fische gefangen und verspeist – wir waren Schnorcheln, Tauchen, Kajak fahren, spazieren und sogar in einer Disco! Kurz gesagt, wir haben es uns gut gehen lassen, hatten eine schöne und entspannte Zeit. Eben genau was man von uns Weltbeseglern erwartet.

Dies ist unser dritter Besuch in dem schönen Königreich im Hinterland des Pazifiks seit 2013. Auch wenn die Entwicklung hier nicht gerade rasant voranschreitet, ist doch über die Jahre die eine oder andere Veränderung zu bemerken.

Direkt an der Uferpromenade in der Hauptstadt entsteht zum Beispiel gerade ein riesiger Protzbau, der im krassen Kontrast zum baufälligen und spartanischen Stadtbild steht. Das Gebäude wurde von seinen Architekten mit palastartigen Wandelbalkonen gestaltet und die Form des Daches greift landestypische Elemente auf. Es fällt aber allein dadurch komplett aus der Rolle, dass es fast doppelt so hoch wie die anderen Gebäude, etwa die dreifache Fläche des nächstgrößeren Gebäudes einnimmt und wahrscheinlich mehr gekostet als andere Häuser in Tonga zusammen!

Zunächst dachte ich, dass der König entweder sehr mutig oder sehr dumm ist, sich mit einem so abartig angeberischen Palast zu schmücken, während der Rest der Bevölkerung in Bretterbuden haust und sogar für die dringend nötige Reparatur strukturell wichtiger Bauten kein Budget vorhanden ist. So hat zum Beispiel die Markthalle in der Hauptstadt der Ha‘apais seit dem Sturm vor drei Jahren noch immer ein teilweise eingestürztes Dach. Statt das kulturelle Zentrum der Region zu sein, verkommt sie langsam zu einer Ruine.

Ich hätte aber eigentlich wissen müssen, dass sich heutzutage solche Protzbunker nur Banken bzw. Versicherungen leisten können. Ironischer Weise handelt es sich in diesem Fall um die neue Zentrale der tonganischen Entwicklungsbank. Also genau das Institut, das für die Förderung der Infrastruktur und Entwicklung des Landes und dem Wohlstand seiner Bürger sorgen soll.

Ein weiteres, einschneidendes Erlebnis hatten wir letzte Woche im Nordosten von Vava‘u, bei dem Besuch einer kleinen Höhle mit einem Süßwasserbasin, in dem man Baden kann. Wir waren vor Jahren schon einmal dort gewesen, aber nun standen dort in der Nähe ein paar Häuser und jemand hatte Stufen in den Hang betoniert. Außerdem tummelte sich eine größere Gruppe Tonganer auf ihren landestypischen Bastmatten am Strand und hielt ein Picknick ab, als wir dort mit dem Beiboot ankamen.

Die netten Tonganer hießen uns willkommen, boten uns von ihrem Essen an und zeigten uns auf unsere Nachfrage den Weg zu der Höhle, die wir nach ein paar Umwegen auch fanden. Als wir gerade dabei waren hinunter zu steigen, kamen zehn der jüngeren Tonganer dazu, folgten uns, sprangen ins Wasser und plantschen vergnügt… bis plötzlich von oben die aufgeragte Stimme einer englischsprachigen Dame ertönte, dass wir uns auf Privatgelände befänden und dieses umgehend verlassen sollten!

Als ich aus der Höhle kam und er aufgebrachten Dame gegenüberstand, entschuldigte ich mich zunächst für die ganze Aufregung, um der Begegnung die Schärfe zu nehmen. Dann wies ich sie aber höflich darauf hin, dass ihre Reaktion etwas überzogen sei, da wir niemanden stören, nichts verbrochen haben uns auf unserem Weg hierher nirgendwo ein Zeichen oder Schild zu entdeckt haben, das uns darauf hinweist, dass wir hier neuerdings nicht mehr willkommen sind - was erneut zu einem heftigen Gefühlsausbruch bei meinem Gegenüber führte.

Die Dame ist der Meinung, dass allein die Anwesenheit von ein paar Häusern und die Existenz einer Treppe in der Nähe der Höhle automatisch darauf hätte hinweisen sollen, dass wir dort nichts zu suchen haben. Auch wollte sie meinen Einwand nicht gelten lassen, dass es sich bei der Höhle um ein tonganisches Kulturgut handelt, zu dem man innerhalb gewisser Geschäftszeiten den öffentlichen Zugang ermöglichen sollte.

So wurden wir nicht nur alle von der Höhle vertrieben, die freundlichen Tonganer mussten sogar ihr Picknick am Strand abbrechen und mit ihren Booten weiterfahren.

Ich bin beileibe nicht gegen Privatbesitz und wenn jemand sich ein Häuschen bauen und einen Zaun darum ziehen will, dann bin ich der letzte der diese Privatsphäre nicht respektiert, solange die generelle Bewegungsfreiheit der Gesellschaft dadurch nicht eingeschränkt wird.

Aber mir gefällt auch, dass man in Tonga als Privatperson kein Land besitzen, sondern lediglich auf Lebenszeit oder maximal für 99 Jahre pachten kann. Das führt nämlich dazu, dass man hier generell überall willkommen ist und das ist einer der Hauptgründe warum mir dieses Land so viel besser gefällt als das benachbarte Fidschi. Dort gibt es, anders als in Tonga, viele Privatinseln und Privatstrände, die noch dazu häufig den Besitzer wechseln und man weiß nie so richtig, wo man gerade willkommen ist und wo nicht. Auch dort erwarten die Eigentümer, ähnlich wie die Dame bei der Höhle, dass man automatisch Bescheid weiß, wo man an Land gehen darf und wo nicht und reagieren ebenfalls sehr gereizt, wenn man unsichtbare Zäune überschreitet und nicht vorhandene Schilder missachtet.

Ein wesentlicher Grund warum ich mich draußen auf See wohler fühle als im überfüllten Europa, warum ich am Ende der Welt herumsegle, ist das Gefühl von freiem Raum um mich herum. Leider ist es aber so, dass man selbst hier im Verlauf von wenigen Jahren beobachten kann wie der Planet für uns Menschen zu klein wird und sich das Geld breit macht.

Keine Kommentare:

Kommentar posten