Donnerstag, 6. September 2012

Das Leben als „Cruiser“

Die deutsche Sprache hinkt manchmal schwer hinter ihren Möglichkeiten zurück. Wenn man als Deutscher auf einem Segelboot lebt und über die Weltmeere schippert, dann ist man ein „Langfahrtsegler“. So ein blödes Wort! Und wenn der Langfahrtsegler etwas länger gefahrtsegelt und ganz um die große Kugel rum ist, dann ist er Weltumsegler. Uiuiui! Das hört sich nun oberwichtig und nicht mehr gar so dämlich an. Klingt aber eher nach Beruf, als nach Lebenseinstellung.

Der englische Langfahrtsegler ist ein „Cruiser“, also ein „Herumkreuzer“. Damit kommen wir der Sache schon näher.  Die meisten Fahrtsegler segeln nämlich gar nicht lang, sondern dümpeln den Großteil ihrer Zeit an schönen Ankerplätzen herum und verleben dort ihr unstetes Dasein. Also wäre „Dümpler“ eigentlich ein passenderes Wort – ist natürlich bei Weitem nicht cool genug.
Mir fehlt es gerade an der wortschöpferischen Kreativität einen guten deutschen Ausdruck  für uns Cruiser zu finden, also benutze ich einfach den Anglizismus und hoffe ihr verzeiht mir. Wenn Euch was einfällt – ich bin immer für Vorschläge offen!

Zurück zum Thema: Wer sind denn nun diese Cruiser? Wie leben sie und was bewegt sie – außer dem Wind. Am Einfachsten findet man das wohl heraus, indem man eine Woche Urlaub an einem der beiden Stege der Jacare Village Marina macht, wo wir gerade zehn Tage verbracht haben. Dort haust eine umfangreiche Population unterschiedlichster Exemplare dieser Spezies, die sich für Studien auf ganzer Bandbreite eigenen. Die Befragung ist nicht schwer, denn der Cruiser ist nicht scheu, sitzt gern in kleineren Gruppen an Land oder auf einem der Boote und erzählt lang und breit von sich, seinem geliebten Boot und den gemeinsamen Reisen.

Wie überall sonst auf der Welt, stellen auch in Jacare die Segelrentner die größte Gruppe unter den Cruisern, mit fünf  von acht Segelbooten.  Bei den Segelrentnern handelt es sich um sehr fitte, aufgeweckte und fröhliche Pärchen zwischen 50 und 70, die ihr Lebenswerk erfolgreich beendet haben, sich ein teures Segelboot leisten können, keinerlei finanzielle Nöte leiden und ihre Rente in der großen weiten Welt verprassen wollen. Generell sind sie alle eher gemütlich unterwegs, wie z.B. Hans und seine nordkoreanische Frau, die mit ihrer Alu-Reincke 54 insgesamt acht Jahre für eine Umrundung gebraucht haben. Zehn Jahre wären besser gewesen, sagt Hans. Noch ein kleiner Schlenker hier und da wäre schön gewesen… und deswegen will er jetzt nochmal rum, um seine Fehler gut zu machen. Mal sehen, ob er seine Frau überzeugen kann.

Dass ein Segelrentner wirklich ganz um die Welt fährt, ist eher ungewöhnlich.  Die meisten legen ihre Ziele kurzfristig fest, lassen sich von Lust und Laune und den Berichten anderer Segler inspirieren und fahren überall dort hin, wo es schön sein soll. Meistens wissen sie nicht wie lange sie hier bleiben und erst recht nicht, wo sie nächsten Monat sind. Die männlichen Segelrentner sind normalerweise geschickte Bastler, die sehr umfassende Verbesserungen an ihren klassischen Yachten durchführen und diese optimal auf ihre Bedürfnisse zuschneiden.

Eine jüngere Untergruppe der Segelrentner sind die Jobflüchtlingen. Diese haben oft ihre Firmen verkauft und sehen sich jetzt gezwungen einen großen Batzen Geld verleben, oder sie hatten eine schwere Krankheit und wollen ihr zweites Leben nun voll auskosten. Diese Menschen unterscheiden sich von klassischen Segelrentner außer durch das Alter, indem sie meist schneller unterwegs sind und immer ein klares Ziel vor Augen haben – zumindest am Anfang ihrer Reise. Wenn sie etwas länger unterwegs waren und tatsächlich bei der Segelei bleiben, dann sind sie von den klassischen Segelrentern nicht mehr zu unterscheiden.

Die skurrilen und wirklich interessanten Typen unter den Cruisern sind die jüngeren Segelnomaden, die meistens mit sehr kleinen Budgets und sehr „individuellen“ Yachten unterwegs sind. In Jacare hatten wir drei davon. Da war zunächst ein pfeifenrauchender Franzose Ende vierzig, auf einem ziemlich kleinen Boot - so klein, dass es eher auf dem Starnberger See zuhause wäre. So klein, dass das Schiffchen allein davon stark krängt, sagt der Eigner mit einem Augenzwinkern, wenn er sich in den Windschatten des Cockpits beugt, um seine Pfeife anzuzünden. Genauso lustig wie der Eigner und sein Bötchen ist auch seine Crew, die Bordkatze. Sie folgt ihrem Kapitän überall hin – aber nicht unterwürfig wie ein Hund, sondern ständig auf der Suche nach Abenteuer, solange sich diese in Sichtweite des Herrchens finden lassen. Besonders bemerkenswert war der ausführliche Bericht des nächtlichen Katze-über-Bord-Manövers mitten auf dem Atlantik, mit einer zwanzigminutigen Suchaktion, die nur glücklich ausging, weil Katzenaugen auch im Wasser ausgezeichnet reflektieren.

Ein weiteres witziges Pärchen waren die Italiener, beide menschlich, die seit vielen Jahren auf einer 52 Fuß Ferocementyacht (ja, dieses Schiff ist aus Beton!) unterwegs sind und ihren Lebensunterhalt dadurch bestreiten, dass sie junge Backpacker für längere Strecken an Bord nehmen. Die Betonyacht ist eher rustikal ausgestattet und wenn man dort bezahlt, dann muss man nicht nur voll mit anpacken können, sondern auch unter 40 Jahre alt sein (weil die Älteren zu viele Ansprüche stellen) und unter 100 Kilo schwer sein (weil die Dickeren zu faul sind und außerdem mit ihrem Gewicht das ganze Schiff kaputt machen). Ein etwas anderer Ansatz für Kojencharter, aber immerhin ist die deutliche Website nicht zu missverstehen. Alle die dort mitfahren, wissen sehr genau was sie zu erwarten haben.

Das dritte Segelnomadenboot war das Zuhause eines französischen Journalistenpärchens, das ihren Lebensunterhalt dadurch finanziert, dass sie monatlich für eine Segelzeitschrift ein kleines Video machen und dazu einen wöchentlichen Blog führen. Das Boot konnten sie sich nur leisten, indem sie fast zehn Jahre rigoros und eisern gespart haben. Leider zahlt die Zeitschrift so schlecht, dass sie nur eben gerade über die Runden kommen. Das heißt konkret, dass sie kein Geld haben um notwendige Reparaturen an Bord auszuführen, so dass Salzwasser in den Wassertank läuft und statt der Toilette auf See ein Eimer benutzt wird, da sonst Überflutungsgefahr droht. Trotz des fragwürdigen Zustand ihrer Stahlschüssel wollen die beiden nach Patagonien damit. Da kann man nur viel Glück wünschen.

Ach ja! Beinah hätte ich die ungewöhnlichsten Cruiser in Jacare vergessen, die so gar nicht ins Schema passen. Die beiden Deutschen, die auf ihrer luxuriösen Yacht in einem untypisch hohen Tempo über die Weltmeere segeln und hoffen die hohen Unterhaltskosten des Luxusschlittens mit den Unkostenbeiträgen von Mitseglern zu finanzieren. Diese zwei, deren Yacht übrigens Alita heißt, sind am 01.09. aus Jacare aufgebrochen und in vier Tagen nach Salvador gesegelt, wo sie nun in der gut bewachten Bahia Marina liegen. Ganz anders als in Jacare, ist hier kein einziger Cruiser – sondern nur die Motorboote des örtlichen Jetsets und eine Armee von Dienstleistern, die diese Boote tagein und tagaus in Schuss halten.

Die meisten Cruiser meiden Salvador, weil der sichere Hafen hier teuer ist uns sich die Stadt in den letzten Jahren zu der gefährlichsten Metropole in Brasilien gemausert hat. Die netten Südafrikaner, die wir auf Fernando de Noronha getroffen haben, wurden in einer schlechter bewachten Marina nebenan, unsanft mit einem Messer an der Kehle geweckt und ausgeraubt. Mein Bekannter, der wenige Kilometer entfernt von hier auf einer Insel wohnt schreibt mir, dass zur Zeit in Salvador zu Leben gefährlicher sei, als im Bürgerkrieg in Syrien. Zum Glück übertreibt er etwas. Wir waren gestern Abend noch in den Straßen von Pelourinho, der Altstadt von Salvador, spazieren und haben es unbelästigt überlebt.

Trotzdem bin ich ganz froh, wenn am Sonntag unser nächster Gast kommt und wir kurz darauf der Großstadt den Rücken kehren. Ich freue mich schon sehr auf ein paar Tage entspanntes „cruisen“ zwischen den nahen Inseln und auf den örtlichen Flußläufen. Nach den langen Etappen der letzten Monate wird uns das segeln im Mittelmeerstyle – also jede Nacht irgendwo vor Anker zu liegen - ganz gut tun!

Kommentare:

  1. Sehr unterhaltsame und treffende Analyse! Auch wenn sich das Bordkatzenrettungsmanöver mit einem Schmunzeln liest bin ich doch froh, dass wir nicht auf reflektierende Katzenaugen zurückgreifen mussten. Weiterhin viel Spaß wünsche ich der ganz besonderen Seglerspezies, vor allem beim Cruisen durch die Insellandschaft!

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